Anita Kloss-Brandstätter (47) ist Professorin für Mathematik und Statistik an der Fachhochschule Kärnten in Villach. Seit sechs Jahren erklärt sie als „Sciencebarbie“ auf ihrem YouTube-Kanal Zahlen, Formeln und Konzepte. Im Sommer 2025 erschien ihr erstes Buch „Mathematik für Ingenieur- und Naturwissenschaften“ (im Springer-Verlag). Neben ihrer akademischen Tätigkeit ist sie Mitorganisatorin der jährlich stattfindenden „Women in Data Science“ (WiDS)-Konferenz in Villach und trat 2024 dem „Soroptimist International – Club Lienz/Osttirol“ bei. Kloss-Brandstätter lebt mit Frank Kloss, der eine Praxis für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Lienz führt, in Oberdrauburg; sie haben drei Töchter.
OVT: Woher kommt Ihre Leidenschaft für Mathematik?
Anita Kloss-Brandstätter: Meine Leidenschaft für Mathematik entdeckte ich bereits während meiner Schulzeit am Gymnasium Lienz. Schon damals waren Zahlen für mich mehr als abstrakte Symbole: Ich erlebe sie mit Farbeindrücken – eine Form der Synästhesie, die meine Wahrnehmung von Mathematik bis heute prägt. Besonders fasziniert mich die Struktur und Klarheit des mathematischen Denkens. Ich liebe es, komplexe Fragestellungen zu durchdringen und mit geeigneten Methoden zu klaren, einfachen Lösungen zu gelangen. Für mich ist Mathematik eine Sprache, mit der wir die Welt besser verstehen und ordnen können.
2011 wurden Sie mit dem Otto-Seibert-Wissenschaftsförderungspreis ausgezeichnet und entwickelten an der Innsbrucker Gerichtsmedizin einen mathematischen Algorithmus, der sich zur Identifikation von Leichen nach Massenkatastrophen in der Biologie übertragen lässt. Wie wichtig sind Ihnen Auszeichnungen – und wie stehen Sie zu herausfordernden Aufgaben?
Wissenschaft erfordert vor allem Geduld und Ausdauer. Viele können sich kaum vorstellen, wie viel Zeit im Labor vergeht – Experimente vorbereiten, Daten analysieren, Hypothesen prüfen – und wie ungewiss der Ausgang oft bleibt. Dazu kommt der aufwändige Publikationsprozess mit Peer Review, der die Ergebnisse erst nach intensiver Auseinandersetzung mit Gutachterinnen und Gutachtern sichtbar macht. Gerade deshalb freue ich mich über Auszeichnungen wie den Otto-Seibert-Wissenschaftsförderungspreis. Insgesamt durfte ich bisher sieben Preise für meine wissenschaftliche Arbeit entgegennehmen – eine wertvolle Anerkennung für Leistung, die häufig still und konzentriert im Labor entsteht. Besonders reizvoll ist für mich, dank meiner dualen Ausbildung in Biologie und Technischer Mathematik, Probleme an der Schnittstelle von Medizin, Biologie, Mathematik und Informatik zu lösen. Diese interdisziplinäre Perspektive macht Forschung für mich zugleich spannend und erfüllend.
Ihre Leidenschaft fürs Rechnen vermitteln Sie auch auf Ihrem YouTube-Kanal „Sciencebarbie“. Wie ist der Kanal aufgebaut – und was war der Auslöser dafür?
Der Auslöser für meinen YouTube-Kanal „Sciencebarbie“ war die Covid-19-Pandemie. Ich wollte meine Studierenden auch aus der Ferne erreichen und ihnen komplexe Sachverhalte auf verständliche und leicht nachvollziehbare Weise erklären. Mir liegt besonders am Herzen, die Angst vor höherer Mathematik zu nehmen und zu zeigen, dass Rechnen spannend und zugänglich sein kann. Ich versuche, Inhalte klar zu strukturieren, Schritt für Schritt zu erklären und gleichzeitig Lust aufs eigene Denken und Entdecken zu wecken.
Im letzten Sommer erschien auch ihr neuestes Buch. Was können Sie unseren Lesern über seinen „Schwierigkeitsgrad“ sagen?
Mein neuestes Buch ist tatsächlich mein erstes. Es richtet sich vor allem an Studierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften, die mathematische Grundlagen schnell erfassen und sicher anwenden möchten. Der Schwierigkeitsgrad ist so gestaltet, dass die Inhalte fordernd, aber gut nachvollziehbar sind. Besonders praktisch sind die QR-Codes im Buch: Sie führen direkt zu über 500 vollständig vorgerechneten Video-Tutorials auf meinem YouTube-Kanal „Sciencebarbie erklärt Mathematik“. So können die Leserinnen und Leser Theorie und Praxis optimal verbinden und die mathematischen Inhalte aktiv nachvollziehen. Ziel ist es, einen klar strukturierten Einstieg in die höhere Mathematik zu bieten, ohne dass der Fokus auf die praktische Anwendung verloren geht.
Hauptberuflich unterrichten Sie an der FH ja Mathematik und Statistik. Wie gelingt es Ihnen das Interesse junger Leute an Zahlen zu wecken?
Um das Interesse junger Menschen an Zahlen zu wecken, arbeite ich gerne mit praxisnahen und spannenden Datensätzen aus meiner eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit. Außerdem lasse ich Studierende selbst Umfragen erstellen, die sie anschließend mit statistischen Methoden auswerten; so werden sie selbst zu jungen Forschenden. Darüber hinaus erreiche ich viele junge Menschen über meinen YouTube-Kanal „Sciencebarbie“: Mit teils unterhaltsamen Videos gelingt es mir, abstrakte mathematische und statistische Inhalte lebendig zu machen und das Interesse nachhaltig zu wecken.
Großes Anliegen ist es Ihnen, junge Frauen für den Weg in die Datenwissenschaften („Women in Data Science“) zu gewinnen. Wie lässt sich insbesondere bei jungen Frauen die Begeisterung für Mathematik und Data Science wecken?
Im Bereich Data Science – also Mathematik, Informatik, Statistik und KI – liegt der Frauenanteil derzeit bei etwa 15 Prozent. Mit „Women in Data Science“ wollen wir ihn bis 2030 auf 30 Prozent erhöhen. Ein wichtiger Baustein ist „Girls in Data Science“, wo wir Schülerinnen und junge Frauen früh begeistern. Dabei zeigen wir, wie schön Mathematik sein kann: etwa mit dem goldenen Schnitt, der Fibonacci-Reihe oder dem Romanesco-Kohl, dessen kleine Türmchen sich selbst ähnlich wiederholen und in Spiralen angeordnet sind. Solche Beispiele machen Mathematik greifbar – und wecken Freude an Zahlen, Mustern und Ideen.
Welchen Wunsch hätten Sie wiederum privat noch? Weltreise …
Tatsächlich reise ich sehr gerne. Neben dem Wunsch, dass meine Familie gesund bleibt und meine Kinder ein glückliches Leben führen, träume ich davon, eines Tages mit meiner Familie das Silvesterfeuerwerk in Sydney in Australien live zu erleben.
Und wie gefällt Ihnen der „Oberkärntner Volltreffer“ gern final gefragt? Lösen Sie gerne die Sudokus und könnten Sie unseren Lesern vielleicht Tipps geben?
Der „Oberkärntner Volltreffer“ gefällt mir ausgesprochen gut: lebendig, nah an den Menschen und mit einer stimmigen Mischung aus regionalen Geschichten, Service, Kultur und Vereinsleben – man spürt die Verbundenheit mit Oberkärnten, und die klare Gestaltung macht ihn angenehm zu lesen. Sudokus löse ich gern, besonders knifflige – mein Tipp: systematisch bleiben und nie raten.
Kurz gefragt:
Anita Kloss-Brandstätter
(Oberdrauburg)
Professorin und YouTuberin
Sternzeichen: Fische
Ich höre gerne (Musik):
Josh, Lemo, Electric Callboy
Lieblingsgetränk: Almdudler
Lieblingstier: Pferd
Lebensmotto: „Geht nicht“ gibt‘s nicht.