Das Schauspiel „Paolo Santonino“ von Engelbert Obernosterer ist ein Renner. Das Kult-Stück wird im August wiederaufgeführt, zu genießen ist es an zwei Orten mit historischem Bezug, in Möderndorf bei Hermagor und in der Spitalskirche/BORG Lienz.
Von Karl Brunner
Gespielt wird das Stück, historisch stimmig im Oberen Gailtal und in Osttirol verortet, von der engagierten Theatergruppe Gailtal unter der Regie von Obmann Mag. Werner Wölbitsch. Er ist ein bewährter Regisseur und leidenschaftlicher Theaterspieler. Wölbitsch: „Die Theatergruppe Gailtal, ein Ensemble aus mehreren Theatergruppen der Region, freut sich heuer, dem Kärntner „Jahr der Literatur“, das Stück „Santonino“ des bekannten Kärntner Autors Engelbert Obernosterer, aufzuführen. Es ist dies ein Geschenk an den Literaten zu seinem 90. Geburtstag“. Zwei Aufführungen gehen am 7. und 8. August (jeweils 20.30 Uhr) über die Bühne vorm Schloss Möderndorf bei Hermagor, zwei weitere Aufführungen finden am 13. und 14. August (jeweils 20 Uhr 30 Uhr) in der Spitalskirche/BORG Lienz statt.
Uraufführung am Wieserberg
Erstmals wurde das Stück im Jahre 2004 auf dem Wieserberg bei Dellach im Gailtal aufgeführt, der historische Stoff war im Hinblick auf das 950-Jahr-Jubiläum der Pfarrkirche St. Daniel (2004) von Lehrer und Autor Obernosterer (Jg. 1936) erarbeitet bzw. dramatisiert worden. „Santonino“ ließ den Lehrer, Schulleiter und Marketingexperten Wölbitsch (Jg. 1960) seit der Uraufführung 2004, damals überzeugte er in der Rolle des Grafen von Görz, nicht mehr los. Vor zwei Jahren – also zwanzig Jahre nach der Uraufführung – gab es wiederum eine sehr erfolgreiche Neuauflage (2024) vor dem Schloss Möderndorf bei Hermagor, hier führte Wölbitsch Regie. Über zwanzig Personen spielen beim Santonino mit, dazu kommen noch mehrere „gute Geister“ im Hintergrund, die für Musik, Technik, Bühnenbild, Maske etc. zuständig sind. Michael „Buzgi“ Buchacher spielt die Rolle des Santonino. „Buzgi“ ist weitum bekannt Sänger, Elvis-Interpret, Schauspieler, Kabarettist und Autor. Der Bischof wird diesmal erstmals vom Theaterpädagogen Bernd Herta dargestellt.
Ein Sittenbild
Mit „Paolo Santonino“ schrieb Obernosterer ein Sittenbild (in fünf Aufzügen), basierend auf historischen Begebenheiten. Im Jahr 1485 unternimmt der Bischof von Caorle, Pietro Carlo, im Auftrag des Patriachen von Aquileia eine Reise nach Kärnten und Osttirol, um die von den Türken verwüsteten Kirchen neu einzuweihen. Sein Berater und Begleiter ist der rechtskundige Humanist Paolo Santonino, der notiert, was er unterwegs sieht, hört und erlebt. Diese erste Visitationsreise führte die Reisegruppe zu Pferd von San Daniele über den Plöckenpass nach Mauthen, von wo aus das Lesachtal, das Drautal und Osttirol besucht wurden. Die Aufzeichnungen Santoninos ergaben für den überaus aktiven Schriftsteller Obernosterer ein lebendiges Sittenbild einer Wendezeit mit dem Niedergang des Adels, Bauernaufständen und Krisen von Glaube und Autorität. Vor diesem Hintergrund entwickelte Obernosterer eine dramatische, für die Zeit bezeichnende Geschichte, wobei es ihm in erster Linie nicht um die Treue zu den überlieferten Details geht, vielmehr diente ihm, was Santonino gesehen, gedacht und erlebt haben könnte, als Spiegel für das Hier und Heute.
Detailverliebte Beobachtungen
Für Santonino, den hochgebildeten Renaissance-Mensch aus Umbrien, waren die ersten Blicke in unsere Heimat befremdlich. Seine Erzählungen kennzeichnen eine detailverliebte Beobachtungsgabe von Land, Kunst und Sitte, die er mit launischen Kommentaren schmückt. Gerne blickt er in die Kochtöpfe und schildert genussvoll die aufgetischten Speisenfolgen. Erzählt wird u.a. auch die Begegnung mit Graf Leonhard von Görz und seiner Gemahlin Paola Gonzaga vom Schloss Bruck, die Visitation der Pfarrkirche St. Daniel, die Einladung auf die Burg Priessenegg bei Hermagor, wo ein üppiges Festmahl und die Badeszene mit Burgfrau Barbara in Santoninos Aufzeichnungen beschrieben wird. Das Stück bietet - dank Santonino, dank Obernosterer - köstliche Einblicke ins Spätmittelalter, ist ein eindrucksvolles Streiflicht regionaler Geschichte, neckisch, unterhaltsam, zum Schmunzeln. Ein Theatergenuss, den man sich gerne gönnt.